Zahl der Toten nach Huthi-Angriff auf Rekrutenausbildungslager in Schabwa steigt auf 73 – Regierung spricht von „Kriegsverbrechen“

JEMEN
Die jemenitische Regierung hat den Angriff der Huthi-Rebellen auf ein Rekrutenausbildungslager in der südlichen Provinz Schabwa am 19. Oktober (Ortszeit) als „Terror“ und „Kriegsverbrechen“ eingestuft. Der Gouverneur von Schabwa, Awad Ibn al-Wazir, teilte am 20. Oktober mit, die Zahl der Toten in dem Ausbildungslager sei auf 73 gestiegen. Der Vorsitzende des Präsidialen Führungsrats (PLC), Raschad al-Alimi, telefonierte am 19. Oktober mit UN-Generalsekretär António Guterres und bat ihn, internationale Schritte auf Ebene des Sicherheitsrats zur Einstufung der Huthi als Terrororganisation zu unterstützen. Die amtliche Nachrichtenagentur Saba berichtete darüber in mehreren Meldungen aus Aden.
Gouverneur von Schabwa: Zahl der Toten im Rekrutenlager auf 73 gestiegen
Die Zahl der Opfer ist gegenüber den ersten Angaben deutlich gestiegen. In der Mitteilung der Seite al-Alimis vom Vormittag des 19. Oktober hieß es ohne Zahlenangabe lediglich, es habe Tote und Verletzte gegeben. Am selben Tag gaben die Provinzbehörden von Schabwa nach vorläufiger Zählung bekannt, 53 Rekruten seien getötet und mehr als 200 verletzt worden (استشهاد 53 مجندًا وإصابة أكثر من 200 آخرين). Gouverneur Ibn al-Wazir teilte am 20. Oktober mit, die Zahl der Toten im Rekrutenlager sei auf 73 gestiegen, 14 weitere würden noch vermisst (فيما لا يزال 14 آخرون في عداد المفقودين). Der Gouverneur nannte die Zahlen, als er sich vom Gesundheitsausschuss unter Leitung des stellvertretenden Gouverneurs Ahmed al-Daghari über den Zustand und die Behandlung der Verletzten unterrichten ließ. Er verurteilte den Angriff als in der Geschichte von Kriegen und Konflikten beispielloses Verbrechen und sagte, das Blut der Märtyrer werde „nicht umsonst vergossen sein“ (لن تذهب هدرا). Der Gouverneur ordnete an, die Behandlung der Verletzten bis zum Ende sicherzustellen und die Familien der Märtyrer und Vermissten weiter zu unterstützen. In der Mitteilung vom 20. Oktober wurde keine aktualisierte Zahl der Verletzten genannt.
Ministerpräsident Schaya Muhsin al-Zindani rief Gouverneur Ibn al-Wazir an und ließ sich über den Hergang des Angriffs unterrichten. Der Ministerpräsident erkundigte sich nach der Behandlung der Verletzten, dem Umgang mit den Opfern und der Auszahlung von Leistungen an die Hinterbliebenen.
Ein Teil der Verletzten wird in Mukalla in der Nachbarprovinz Hadramaut behandelt. Salem Ahmed al-Chanbaschi, Gouverneur von Hadramaut und Mitglied des Präsidialen Führungsrats, besuchte am 20. Oktober mehrere Krankenhäuser in Mukalla und erkundigte sich nach dem Zustand der Verletzten des Angriffs auf das Lager al-Alam. Al-Chanbaschi ließ sich vom medizinischen Personal über die Schwere der Verletzungen und den Behandlungsverlauf unterrichten und übermittelte die Genesungswünsche al-Alimis. Al-Chanbaschi versprach, die Provinzbehörden würden den Zustand der Verletzten weiter verfolgen und in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden die Behandlung beschleunigen. Al-Chanbaschi besuchte zudem das Nationale Blutzentrum und dessen angeschlossene Forschungsabteilung und überprüfte die Gewinnung von Blutspendern und die Notversorgung mit Blut. Al-Chanbaschi forderte, sich bereitzuhalten, um rasch auf humanitäre Notlagen zu reagieren. Mit Blick auf die Bürger, die Blut spendeten, sagte al-Chanbaschi, die Bewohner Hadramauts seien ein Vorbild für gesellschaftliche Solidarität und Zusammenhalt (نموذجاً للتكافل والتلاحم المجتمعي).
Informationsminister Al-Eryani: Ausbildungsplatz für Sicherheitsrekruten ohne Bezug zur Front – Kriegsverbrechen
Informationsminister Muammar al-Eryani nannte in einer Erklärung vom 19. Oktober als Ort des Angriffs das „Ausbildungslager des Märtyrers Ahmed al-Sulaimani“ am Rand von Ataq, der Hauptstadt der Provinz Schabwa. Al-Eryani betonte, dort würden Rekruten für die innere Sicherheit (مجندون مستجدون في الأمن الداخلي) ausgebildet, es handle sich nicht um ein militärisches Ziel mit Bezug zu Kämpfen an der Front. Bei dem Angriff seien „Dutzende“ Rekruten (العشرات من المجندين) getötet oder verletzt worden, sagte al-Eryani.
Al-Eryani stufte den Angriff als „Kriegsverbrechen“ (جريمة حرب) ein und warf den Huthi vor, „um des Tötens willen zu töten“ (القتل لمجرد القتل). Die Huthi hätten versucht, falsche „Medienerfolge“ zu inszenieren, um ihre Niederlagen auf dem Schlachtfeld zu verdecken und die sinkende Moral ihrer Kämpfer zu heben, behauptete al-Eryani. Der Angriff sei ein Beleg für den militärischen und moralischen Bankrott der Huthi, sagte al-Eryani. Er warnte zudem vor der Bedrohung, die davon ausgehe, dass die Huthi weiterhin ballistische Raketen besäßen und einsetzten. Al-Eryani forderte, in den von der Regierung kontrollierten Provinzen der sogenannten „befreiten Gebiete“ die sicherheitspolitische und militärische Alarmbereitschaft zu erhöhen.
Generalleutnant Mahmud al-Subaihi, Mitglied des Präsidialen Führungsrats, bezeichnete den Ort des Angriffs am selben Tag in einer Erklärung gegenüber Saba in Aden als „Lager al-Alam“ (معسكر العلم) und erklärte, eine Parade von Rekruten sei angegriffen worden. Der Angriff habe „erneut gezeigt, wie ernst die Bedrohung ist, die die Miliz für den Jemen und die staatlichen Institutionen darstellt“, sagte al-Subaihi. „Das Blut der Märtyrer wird eine nationale Verpflichtung bleiben“, sagte al-Subaihi und forderte eine Stärkung der militärischen und sicherheitspolitischen Bereitschaft. Al-Subaihi verlangte zugleich die Behandlung der Verletzten und Unterstützung für die Familien der Opfer. Al-Eryani sprach den Hinterbliebenen der Opfer, den Verletzten und den Bewohnern Schabwas sein Beileid aus.
Al-Alimi ordnet Hilfe für Hinterbliebene und „entschlossene Antwort“ an
Al-Alimi telefonierte am 19. Oktober mit Gouverneur Ibn al-Wazir und ließ sich über die Lage in Schabwa unterrichten. Nach Angaben der Seite al-Alimis richtete sich der Angriff gegen eine Parade von Rekruten aus mehreren Provinzen. Al-Alimi wies die zuständigen Behörden an, die Verletzten zu behandeln und sich um die Hinterbliebenen der Opfer zu kümmern. Zudem ordnete al-Alimi an, die Verfahren zur Regelung des Status der Familien der Opfer abzuschließen und Gehälter auszuzahlen. Al-Alimi sprach den Hinterbliebenen sein Beileid aus und wünschte den Verletzten rasche Genesung.
Al-Alimi ordnete die nötigen Maßnahmen für eine „entschlossene Antwort“ (الرد الحازم على مصادر الهجوم) auf die Urheber des Angriffs an. Als Urheber nannte er die Huthi. Die Huthi hätten jedes Mal, wenn sie unter Druck gerieten oder ihre Pläne scheiterten, zu „feigen Terrorangriffen“ gegriffen, und solche Angriffe würden vom iranischen Regime unterstützt, behauptete al-Alimi. Das Blut der Märtyrer werde „nicht umsonst vergossen sein“ (لن تذهب هدراً), sagte al-Alimi; der Angriff könne den Willen der Regierung, die Bevölkerung zu schützen und die staatlichen Institutionen wiederherzustellen, nicht brechen.
Innenminister Ibrahim Ali Haidan erklärte am 20. Oktober in Aden, „die terroristischen Handlungen der Huthi werden die Sicherheitsbehörden nicht an der Erfüllung ihrer nationalen Aufgaben hindern“. „Diese Verbrechen verjähren nicht“ (هذه الجرائم لن تسقط بالتقادم), sagte Haidan und kündigte an, die Führung der Huthi und diejenigen, die den Angriff unterstützt hätten, bis zuletzt zu verfolgen und vor Gericht zu bringen. Haidan bezeichnete Angriffe auf die Sicherheitsbehörden und ihre Ausbildungseinrichtungen als terroristisches Vorgehen der Huthi. Haidan nannte die Huthi eine „vom Iran unterstützte Putschmiliz“ (مليشيات الحوثي الانقلابية المدعومة من إيران). Haidan sprach den Hinterbliebenen der Opfer sein Beileid aus und wünschte den Verletzten rasche Genesung. Haidan ordnete an, die Koordinierung zwischen den Sicherheitskräften zu verbessern und die Alarmbereitschaft zu erhöhen. Der Zeitpunkt des Angriffs wird in den Regierungserklärungen nicht genannt.
Al-Alimi bittet Guterres um Unterstützung für Einstufung der Huthi als Terrororganisation
Al-Alimi richtete am 19. Oktober in dem Telefonat mit Generalsekretär Guterres eine offizielle Bitte an diesen. Al-Alimi bat um Unterstützung für internationale Schritte, die Huthi über den Sicherheitsrat als „Terrororganisation“ (منظمة إرهابية) einzustufen, die Umsetzung des Waffenembargos gegen die Huthi sicherzustellen, ihre Finanzierungsquellen und Waffenlieferungen zu unterbinden und ihre Unterstützer sowie die für Verstöße Verantwortlichen zu bestrafen.
Al-Alimi erklärte in dem Gespräch, die Huthi überzögen staatliche Institutionen und zivile Einrichtungen mit Raketen- und Drohnenangriffen und weiteten ihre Angriffe auf Städte und Dörfer aus. Die Huthi belagerten Taiz und beschössen Wohngebiete; Tausende Menschen, darunter Zivilisten und an die Front geschickte Kinder, seien getötet oder verletzt worden, sagte al-Alimi. „Mehr als 70 UN-Mitarbeiter“ (أكثر من سبعين من موظفي الأمم المتحدة) würden noch immer von den Huthi festgehalten, und Tausende Zivilisten seien entführt worden, sagte al-Alimi.
Die Regierung habe sich verantwortungsvoll auf Friedensinitiativen eingelassen, die Huthi hätten die Waffenruhe jedoch zur Neuordnung ihrer Reihen genutzt und die Lage eskaliert, behauptete al-Alimi. Al-Alimi forderte die internationale Gemeinschaft auf, es nicht bei Verurteilungen zu belassen, sondern die UN-Resolutionen vollständig umzusetzen, um die Bedrohung durch die Huthi zu beenden, die Belagerung von Städten aufzuheben und sichere Korridore für Zivilisten sowie Lebensmittel und Medikamente zu öffnen. Al-Alimi betonte, die Grundsätze der Regierung – ein gerechter und dauerhafter Frieden auf Grundlage der UN-Resolutionen, die Einheit und Souveränität des Jemen sowie die Wiederherstellung der staatlichen Institutionen – blieben unverändert.
Nach Angaben der jemenitischen Regierung verurteilte Guterres die Angriffe der Huthi innerhalb und außerhalb des Jemen in schärfster Form. Guterres habe seine Ablehnung der fortgesetzten Festhaltung von UN-Mitarbeitern und Beschäftigten des öffentlichen Sektors bekundet und erklärt, die Unterstützung der Vereinten Nationen für die jemenitische Regierung und Saudi-Arabien gegen alle Bedrohungen zu verstärken, teilte die jemenitische Regierung mit.
Huthi setzen Angriffe auf Flughafen Aden und saudisches Gebiet in derselben Woche fort
Drei Tage vor dem Angriff in Schabwa war der internationale Flughafen Aden zum Ziel geworden. Das jemenitische Verkehrsministerium erklärte in der Nacht zum 17. Oktober, die Huthi hätten am Abend des 16. Oktober zwei ballistische Raketen auf den internationalen Flughafen Aden abgefeuert. Es sei der zweite Angriff auf den Flughafen binnen zehn Tagen, so das Ministerium. Nach Angaben des Ministeriums schlug die erste Rakete in Richtung der Start- und Landebahn am westlichen Tor des Flughafens ein, die zweite nordwestlich des Flughafens.
Im Moment des Angriffs bereitete sich auf der Start- und Landebahn der Flug IYE 612 der Yemenia nach Kairo auf den Start vor. Passagiere und Besatzung seien sofort in Sicherheit gebracht worden, erklärte das Ministerium. Der in Kairo gestartete Flug QFF101 von Fly Aden befand sich im Anflug auf den Flughafen. Der Angriff hätte zu „schweren menschlichen und materiellen Verlusten“ (خسائر بشرية ومادية جسيمة) führen können, erklärte das Ministerium. Der Flughafen sei „eine zivile Einrichtung für Bürger und Reisende“, erklärte das Ministerium und forderte die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) und die Vereinten Nationen auf, den Angriff klar zu verurteilen und die Verantwortlichen zu bestrafen. Das Ministerium bezeichnete den Angriff als „terroristisches Verbrechen der vom iranischen Regime unterstützten Huthi-Miliz“ und erklärte, „der Schaden von Angriffen auf zivile Flughäfen beschränkt sich nicht auf die angegriffene Einrichtung“. In der Erklärung des Ministeriums wurden weder Opfer noch konkrete Schäden an Einrichtungen genannt.