Finnland unterzeichnet 7 Dokumente über „300 Millionen Euro“ mit der Ukraine: Drohnen-Joint-Venture und Spende von 10 Diesellokomotiven

KIEW
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo führten am 22. (Ortszeit) in Kiew Gespräche und unterzeichneten sieben Dokumente zwischen den Regierungen und Unternehmen beider Länder. Präsident Selenskyj erklärte auf einer gemeinsamen Pressekonferenz: „Der Gesamtwert der heutigen Vereinbarungen liegt bei rund 300 Millionen Euro (the total value of today's agreements is around €300 million)“. Finnland legte ein neues Unterstützungspaket im Umfang von 10 Millionen Euro vor. Präsident Selenskyj sagte, dass im Rahmen des im Vormonat von beiden Staaten unterzeichneten „Drone Deal“ Maßnahmen im Wert von 200 Millionen Euro im Gange seien. Zu den unterzeichneten Dokumenten gehörten ein Joint Venture für unbemannte Systeme mit der Patria Group, eine Zusammenarbeit bei der Satellitenkommunikation mit Nokia Defense und ICEYE sowie die Schenkung von zehn Diesellokomotiven.
Präsident Selenskyj beziffert Umfang der Tagesabkommen auf rund 300 Millionen Euro
Das Büro des Präsidenten der Ukraine veröffentlichte in der Nacht des 22. nacheinander die Rede auf dem Wirtschaftsforum um 21:52 Uhr, die Äußerungen auf der gemeinsamen Pressekonferenz um 22:08 Uhr, die Liste der unterzeichneten Dokumente um 22:43 Uhr und die Ergebnisse der Gespräche um 23:31 Uhr.
Das Präsidialamt teilte mit, dass die beiden Staats- und Regierungschefs über die Stärkung der Verteidigung, die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und die Unterstützung der Ukraine bei der Bewältigung des Winters beraten hätten. Präsident Selenskyj sagte auf der Pressekonferenz, Finnland habe ein neues Hilfspaket bereitgestellt und beide Staaten hätten Abkommen zur Vertiefung ihrer Zusammenarbeit geschlossen. Der ukrainische Originaltext lautet: „Сім документів були підписані. І загальний обсяг сьогоднішніх домовленостей – близько 300 мільйонів євро (Sieben Dokumente wurden unterzeichnet. Und das Gesamtvolumen der heutigen Vereinbarungen beträgt rund 300 Millionen Euro)“. Nach den Gesprächen fasste der Präsident zusammen: „Heute gibt es ein neues Hilfspaket für die Ukraine von Finnland und Abkommen, die unsere Kooperationsmöglichkeiten erweitern.“ Die Zahl von 300 Millionen Euro stammt von Präsident Selenskyj. In der vom Präsidialamt separat veröffentlichten Liste der unterzeichneten Dokumente sind keine Einzelbeträge für die jeweiligen Abkommen aufgeführt.
Präsident Selenskyj erwähnte, dass er kürzlich in Norwegen mit dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb zusammengetroffen sei. Er betonte, dass er mit Präsident Stubb in ständigem Kontakt über Sicherheit, Verteidigung und Diplomatie stehe und auch mit Ministerpräsident Orpo die bilateralen Beziehungen gefestigt habe. Präsident Selenskyj verlieh Ministerpräsident Orpo an diesem Tag in Anerkennung seiner Verdienste um die Unterstützung der Ukraine den Orden des Fürsten Jaroslaw des Weisen, 2. Klasse (Order of Prince Yaroslav the Wise, II class).
Sieben Dokumente umfassen Joint Venture für unbemannte Systeme, Satellitenkommunikation und Lokomotivenspende
Das Präsidialamt veröffentlichte als Ergebnis des Wirtschaftsforums sieben Dokumente aus den Bereichen Verteidigung, unbemannte Systeme, Verkehr, Satellitenkommunikation und Bauwesen. Das ukrainische Innenministerium schloss ein Kooperationsmemorandum mit Kenno Tech, einem finnischen Rüstungsunternehmen, das gepanzerte Schutzbarrieren und modulare Strukturen herstellt. Das ukrainische Forschungszentrum für unbemannte Systeme unterzeichnete eine Absichtserklärung zur Fortführung der strategischen Kooperation mit der Patria Group. Beide Einrichtungen bekräftigten ihre Absicht, in Finnland ein Joint Venture zur Produktion und Entwicklung militärischer sowie doppelt verwendbarer (Dual-Use) unbemannter Systeme zu gründen.
Der Verband der Arbeitgeber der Ukraine und der finnische Industrieverband unterzeichneten eine Kooperationsvereinbarung und vereinbarten die Bildung eines „Ukrainisch-Finnischen Industrieausschusses“. Das Verteidigungsministerium der Ukraine unterzeichnete eine Absichtserklärung über die Zusammenarbeit im Weltraumbereich mit den finnischen Unternehmen Nokia Defense und ICEYE. Das Dokument konzentriert sich auf den Ausbau der Satellitenkommunikationsfähigkeiten des Verteidigungsministeriums.
Avantasi Technology unterzeichnete eine Absichtserklärung mit Elematic Oyj über Projekte für industrialisierten Wohnungsbau und Betonfertigteilwerke in der Ukraine. Bavovna Miltech und Insta unterzeichneten eine gemeinsame Absichtserklärung zum Aufbau von Kapazitäten zur Produktion und Entwicklung schwerer unbemannter Luftfahrtsysteme wie Bomber und Transportdrohnen in Finnland. Das letzte Dokument war eine Schenkungsurkunde über zehn Diesellokomotiven, die vom ukrainischen Ministerpräsidenten Serhij Korezkyj und Ministerpräsident Orpo unterzeichnet wurde.
Präsident Selenskyj betonte auf der Pressekonferenz, dass Logistik und Energie zentrale Angriffsziele Russlands seien. Der Präsident dankte für Finnlands Hilfe in den Bereichen Logistik und Energie und begrüßte das von den beiden Regierungschefs unterzeichnete Lokomotivenabkommen. Beide Länder vereinbarten, Finnlands Satellitenkapazitäten intensiver zu nutzen. In seinen ukrainischen Ausführungen sagte Präsident Selenskyj: „Wir haben auch die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit den beiden Unternehmen Nokia und ICEYE besprochen.“
Ministerpräsident Orpo kündigt neues 10-Millionen-Euro-Paket und Vorbereitung des 36. Verteidigungspakets an
Nach Angaben des Präsidialamts gab Ministerpräsident Orpo bekannt, dass das neue Paket 10 Millionen Euro umfasst. Davon fließen 5 Millionen Euro in den Ukraine Energy Support Fund und 2 Millionen Euro in humanitäre Winterhilfe. Die verbleibenden 3 Millionen Euro gehen an das Ukraine Recovery Program und kommen vor allem den Schlüsselbereichen Energie und Wasserversorgung zugute. Mobile Heizcontainer sollen bis Dezember geliefert werden.
Hinsichtlich der Verteidigungshilfe sagte Ministerpräsident Orpo: „Finnland wird der Ukraine weiterhin erhebliche militärtechnische Hilfe und Unterstützung bei der militärischen Ausbildung leisten.“ Der Ministerpräsident erklärte: „In diesem Jahr haben wir die Ukraine mit fünf Verteidigungspaketen im Wert von mehr als einer halben Milliarde Euro unterstützt (This year, we supported Ukraine with five defense packages worth more than half a billion euros).“ Er fügte hinzu: „Derzeit bereiten wir in enger Zusammenarbeit mit den ukrainischen Streitkräften das 36. Paket vor.“ Präsident Stubb hatte am 23. des Vormonats in New York erklärt, dass Finnland der Ukraine bislang 34 Hilfspakete bereitgestellt habe.
Ministerpräsident Orpo berichtete, er habe während seines Besuchs an einer ukrainischen Schule Kinder gesehen, die in einem Schutzraum unterrichtet wurden. Der Ministerpräsident sagte: „Es war sehr schmerzhaft zu sehen, wie der Schulunterricht während ballistischer Raketenangriffe fortgesetzt wird.“ Er fuhr fort: „Gleichzeitig war ich tief beeindruckt davon, wie die Kinder weiterlernen und die Lehrkräfte weiter unterrichten“, und ergänzte: „Das hat mich darin bestärkt, dass wir noch mehr tun müssen, um beim Bau von Schutzräumen zu helfen.“ Auf dem Wirtschaftsforum erklärte Ministerpräsident Orpo: „Wir stehen Schulter an Schulter mit der Ukraine und dem ukrainischen Volk (We stand shoulder to shoulder with Ukraine and the Ukrainian people).“
Drohnen-Deal führt nach Unterzeichnung in New York im September zu Maßnahmen im Wert von 200 Millionen Euro
Präsident Selenskyj dankte den finnischen Unternehmen, die in der Ukraine tätig sind. Der Präsident sagte: „Auch der Drohnen-Deal mit Finnland funktioniert bereits aktiv, und in seinem Rahmen wurden Maßnahmen im Wert von 200 Millionen Euro ergriffen.“ Er erläuterte, dass diese Maßnahmen die Sicherheitsfähigkeiten beider Länder gemeinsam stärken. Die genaue Verwendung der 200 Millionen Euro wurde nicht bekannt gegeben.
Ein Abkommen im Format des Drohnen-Deals hatte Präsident Selenskyj Ministerpräsident Orpo am 3. Mai am Rande des Gipfeltreffens der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPG) im armenischen Jerewan vorgeschlagen. Der Präsident erklärte sich damals bereit, Fachwissen mit Partnern zu teilen, die der Ukraine seit Beginn der umfassenden Invasion geholfen haben; die Ausarbeitung der Details sollte Arbeitsgruppen beider Länder übertragen werden. Präsident Selenskyj drückte bei dieser Gelegenheit seinen Dank für Finnlands Entscheidung aus, zusätzliche Verteidigungshilfe im Umfang von 300 Millionen Dollar bereitzustellen. Beide Politiker erörterten, dieses Paket zur Stärkung der Luftverteidigung einzusetzen und einen Teil davon in die PURL-Initiative umzuleiten.
Bei einem Treffen in Tallinn im Vorfeld des Ukraine-Nordisch-Baltischen Gipfels am 9. Juni gab das Präsidialamt bekannt, dass die Ukraine der finnischen Regierung im Mai einen Vertragsentwurf übermittelt habe. Beide Seiten erörterten dabei auch die Bemühungen zum Aufbau europäischer Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Raketen. Präsident Selenskyj sagte: „Vor allem ist jedes Militärpaket eine sehr große Hilfe.“ Der Präsident dankte für Finnlands Beitrag zur PURL-Initiative und dessen Bereitschaft zu weiteren Beiträgen.
Die Unterzeichnung erfolgte am 23. September in New York. Die Spitzenpolitiker der Ukraine und Finnlands unterzeichneten das Abkommen bei einem Dreiertreffen von Präsident Selenskyj, Präsident Stubb und dem norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre. Die Hauptthemen dieses Treffens waren Winterhilfspakete und der Schutz der Energieinfrastruktur vor russischen Angriffen. Präsident Selenskyj erklärte, dass durch die Stärkung der Luftverteidigung vor dem Winter „Russland die Hoffnung auf ballistischen Terror genommen werde (deprive Russia of its bet on ballistic terror)“. Der Präsident informierte die beiden Amtskollegen über Gespräche mit den USA und betonte, dass es zum Frieden keine Alternative gebe und der Druck auf Russland durch Sanktionen und Unterstützung für die Ukraine erhöht werden müsse. Das Präsidialamt stellte dieses Abkommen als das elfte Abkommen dieser Art dar, das die Ukraine mit einem Partnerstaat geschlossen hat. Präsident Selenskyj betonte damals, das Abkommen umfasse Technologie, den Austausch von Kriegserfahrungen und die gemeinsame Produktion und gehe damit weit über den bloßen Kauf und Verkauf von Drohnen hinaus. Präsident Stubb nannte es „einen zweiseitigen Prozess, bei dem wir von Ihnen lernen“.
In seiner Rede auf dem Wirtschaftsforum am 22. betonte Präsident Selenskyj: „Der Drohnen-Deal funktioniert“, und schlug vor, mehr Drohnen für beide Länder zu produzieren. Der Präsident sagte: „Unsere Kapazität zur Produktion von Drohnen hier in der Ukraine ist um ein Vielfaches größer als die Mittel, die uns heute zur Verfügung stehen (Our capacity to produce drones here in Ukraine is several times greater than the funding we have available today)“. An dem Forum nahmen Unternehmen beider Länder aus den Bereichen Verteidigung, Bau von Schutzbauten und Schutzräumen sowie Industrie teil. Die Firmen erörterten die gemeinsame Produktion in beiden Ländern, Lokalisierung in der Ukraine, gemeinsame Technologieprojekte und gemeinsame Forschung und Entwicklung im Rahmen des Drohnen-Deals.
Ukraine bittet Finnland um SAFE-Mittel und Unterstützung bei der Luftverteidigung
Präsident Selenskyj brachte eine gemeinsame Arbeit im Rahmen des SAFE-Programms der Europäischen Union (EU) zur Sprache. Er forderte Finnland auf, die gemeinsame Produktion zu unterstützen und die Waffenproduktion „insbesondere über das SAFE-Instrument (specifically through the SAFE instrument)“ zu finanzieren. Dies liege im Interesse ganz Europas. Bereits bei einem vom Präsidialamt am 23. Oktober des Vorjahres veröffentlichten Treffen mit Ministerpräsident Orpo hatte die Ukraine betont, auf eine Kooperation über SAFE bei der Beschaffung von Langstreckenraketen, Drohnen und Artilleriegranaten zu hoffen. Beim selben Treffen dankte Präsident Selenskyj für Finnlands Beteiligung an der PURL-Initiative im Umfang von 100 Millionen Euro und das 30. Verteidigungspaket im Wert von 52 Millionen Euro.
Auch die Luftverteidigung stand auf der Agenda des Treffens. Präsident Selenskyj erklärte, er habe vor dem Forum mit Ministerpräsident Orpo über Luftverteidigung gesprochen und sich „auf die Luftverteidigung konzentriert“. In seiner ukrainischen Ansprache sagte der Präsident: „Ich danke Finnland für die Hilfe auch in diesem Bereich und erwarte in naher Zukunft positive Folgeschritte und Neuigkeiten zur Luftverteidigung.“ Bei einem Treffen mit Ministerpräsident Orpo sechs Tage zuvor am 16. in Brüssel hatte Selenskyj betont, die Ukraine benötige fortlaufend Mittel zum Abschuss von Raketen und Drohnen, und erklärt: „Neue Beschlüsse zur Unterstützung der Ukraine werden bereits in diesem Monat fallen.“ Er erläuterte, dass Russland über Nacht und am selben Tag erneut Energieanlagen angegriffen habe und Teile des Gebiets Wolyn sowie Kiew nach den Angriffen des Vorabends weiterhin ohne Strom seien. Nach Angaben des Präsidialamts betonte der Präsident, Finnland habe der Ukraine stets geholfen, wofür er zutiefst dankbar sei. Die Kooperation im Energiesektor war auch Thema des Treffens im vergangenen Oktober. Damals besprachen beide Spitzenpolitiker die Wiederherstellung von durch russische Angriffe beschädigten Energieanlagen und Beiträge zum Ukraine Energy Support Fund. Aus dem aktuellen Paket fließen 5 Millionen Euro in diesen Fonds.